Buch Maths : Plaisir & Réussite, von Christophe & Gaston Ternes
Was wäre, wenn Mathematik zu einer Quelle von Selbstvertrauen, Neugier und Freude würde?
Nach zwei Jahren intensiver Arbeit bietet Maths: Plaisir & Réussite einen frischen und motivierenden Zugang zum Mathematiklernen und hilft Schülerinnen und Schülern nicht nur, Mathematik zu verstehen, sondern sie wirklich mit Freude zu erleben.
Zu viele Schüler empfinden Mathematik als Hindernis. Dieses neue Lehrbuch soll Schülern, Eltern und Lehrern gleichzeitig als Hilfe, Inspirationsquelle und spielerisches Werkzeug dienen.
Das Buch richtet sich an Schülerinnen und Schüler der 7e im luxemburgischen Schulsystem, der S1 in den Europäischen Schulen sowie an Lernende im ersten Jahr der Sekundarstufe in Belgien und Frankreich.
Darüber hinaus dient es auch als wertvolle Referenz für höhere Klassen, um grundlegende Kenntnisse gezielt aufzufrischen.
Was Maths : Plaisir & Réussite einzigartig macht:
Über 500 vollständig gelöste Aufgaben aus Mengenlehre, Arithmetik, Algebra und Geometrie
Online-Zusammenfassungen für selbstständiges Lernen und Wiederholen
Beispiele aus dem Alltag und aus der Natur, die Mathematik lebendig machen
Kreative Impulse für Lehrkräfte
Konkrete Unterstützung für Eltern bei der Lernbegleitung zu Hause
Alle drei Jahre veröffentlicht die OECD die PISA-Studie, die die Leistungen 15-jähriger Schülerinnen und Schüler in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften vergleicht und internationale Ranglisten erstellt. Nach sechs Jahren Pause nimmt Luxemburg dieses Jahr wieder teil, die Ergebnisse werden Ende 2026 erwartet. Für Gaston Ternes ist dies der ideale Zeitpunkt, um die Aussagekraft und Relevanz dieser Vergleiche zu hinterfragen.
PISA gilt als wissenschaftlich, neutral und weltweit vergleichbar. Um diese Objektivität zu gewährleisten, gelten strenge Kriterien: Jeder Schüler muss den Test in der offiziellen Unterrichtssprache absolvieren. In Luxemburg bedeutet das Deutsch oder Französisch in den nationalen Schulen, in den internationalen Schulen Englisch.
Doch die Teilnehmenden müssen sich für eine einzige Sprache für den gesamten Test entscheiden. Zwei Drittel der luxemburgischen Schüler wählen Deutsch und müssen Mathematikaufgaben in dieser Sprache bearbeiten – obwohl das Fach seit drei Jahren auf Französisch unterrichtet wird. Dies zeigt, wie wenig die OECD-Kriterien der Realität des luxemburgischen Bildungssystems gerecht werden, in dem das Verhältnis von Sprache und Kompetenz deutlich komplexer ist.
Statistische Korrekturen können diese Situation nur teilweise ausgleichen. In den meisten Ländern fällt die Unterrichtssprache mit der Muttersprache zusammen – in Luxemburg nicht. Unsere Schüler sind nicht weniger kompetent, doch sie haben größere Schwierigkeiten, die Texte in der gewählten Testsprache zu verstehen. PISA misst also vor allem Sprachkompetenz, nicht fachliche Leistung.
Klar gesagt: Für PISA ist Mehrsprachigkeit eher ein Nachteil – obwohl sie eine unserer größten Stärken ist. Schüler, die spontan zwischen zwei oder drei Sprachen wechseln können, entwickeln kognitive Flexibilität, vernetztes Denken und Vergleichsfähigkeit – genau die Fähigkeiten, die eine moderne, global ausgerichtete Bildung verlangt.
Luxemburg sollte sich daher nicht nur von der OECD bewerten lassen, sondern aktiv an der Weiterentwicklung der Studie mitwirken. PISA-Tests müssten es ermöglichen, die Sprache je nach Fach oder Teilbereich frei zu wählen. Die Bewertung der kompetenten Nutzung mehrerer Sprachen sollte verpflichtend werden, nicht nur optional über Zusatzmodule, die bislang keinen Einfluss auf das Ranking haben. Noch wichtiger: Die flexible Anwendung mehrerer Sprachen sollte zum zentralen Indikator werden.
So könnte PISA für Luxemburg zu einem echten Labor für die Zukunft des Lernens werden. Eine angepasste Methodik könnte zeigen, dass mehrsprachiges Denken kein Nachteil, sondern ein Vorteil ist. Der konsequente Einsatz mehrerer Sprachen in einem Fach zusätzlich zur Unterrichtssprache könnte Sprachen als Hilfe und nicht als Barriere beim Lernen etablieren.
Dies ist ein entscheidender Weg für Luxemburg: zu zeigen, dass Kompetenz nicht bedeutet, in einer Sprache zu denken, sondern sich souverän zwischen mehreren Sprachen zu bewegen.
In Luxemburg zeigt die Schule heute zwei Gesichter. Auf der einen Seite steht die nationale Schule mit ihrer dreisprachigen Tradition: Luxemburgisch, Deutsch, Französisch. Auf der anderen Seite wachsen die internationalen Schulen, organisiert nach dem Modell der Europäischen Schulen. Zwei Systeme. Zwei Welten. Doch eine zentrale Frage bleibt: Welche Zukunft wollen wir für unsere Kinder? Dieser Frage geht Gaston Ternes in dieser Carte blanche nach. carte blanche.
Das Nebeneinander von nationalen und internationalen Schulen spiegelt die Realität des Landes wider: Mehr als die Hälfte der Einwohner hat heute keine luxemburgische Staatsangehörigkeit. Viele Familien bleiben nur für kurze Zeit im Land. Internationale Schulen bieten hier Sicherheit und Kontinuität.
Doch das Bild ist komplexer. Die nationale Schule ist längst nicht mehr dreisprachig, sondern viersprachig: Englisch spielt eine immer größere Rolle, und die Jugendlichen stehen vor hohen Anforderungen in vier Sprachen. Gleichzeitig sprechen immer mehr Kinder zu Hause weder Luxemburgisch noch Französisch oder Deutsch. Was als Reichtum gilt, kann schnell zur Barriere werden, wenn Sprache das Lernen erschwert.
Die Gründung weiterer internationaler Schulen ist eine direkte Antwort auf konkrete Bedürfnisse. Doch schaffen wir damit nicht zwei Systeme, die immer weiter auseinanderdriften?
Morgen begegnen sich junge Menschen in Betrieben, Institutionen und Vereinen. Doch finden sie dann noch eine gemeinsame Sprache?
Wir stehen heute an einem Scheideweg. Lassen wir beide Systeme einfach nebeneinander weiterlaufen? Oder haben wir den Mut, eine gemeinsame Vision zu entwickeln – eine Schule, die Brücken baut?
Wir brauchen Schulen, in denen Kinder aus beiden Systemen miteinander lernen und kulturell zusammenwachsen. Es geht nicht darum, die internationalen Schulen abzuschaffen oder die öffentlichen Schulen zu kopieren, oder ein System schlechtzureden. Nein – es geht darum, die aktuelle Trennung aufzubrechen: Partnerschaften zwischen Schulen zu schaffen, Schüleraustauschprogramme zu fördern, gemeinsame Lernressourcen und große Teile des Curriculums abzustimmen. Mathematik, Naturwissenschaften, Sport, Kunst oder Musik könnten ohne großen Aufwand harmonisiert werden. Beide Seiten könnten von den pädagogischen Ansätzen der jeweils anderen lernen. Jugendliche aus beiden Systemen könnten online zusammenarbeiten.
Vor allem aber gilt es, die Mobilität zwischen beiden Systemen konsequent auszubauen – ohne Brüche, ohne Nachteile. Dafür braucht es klare Regeln, wie Fächer wechselseitig anerkannt werden. Es sollen Brücken entstehen – in beide Richtungen – mit Übergangsphasen oder Übergangsjahren.
Doch es geht um mehr als nur um Bildung. Es geht um den sozialen Zusammenhalt unseres Landes. Schule ist nicht nur ein Ort des Lernens. Sie ist das lebendige Herzstück unserer Gesellschaft. Sie soll ein Raum sein, in dem Kulturen sich begegnen. Hier sollen Kinder nicht nur für sich lernen, sondern auch miteinander und voneinander.
Die Zukunft wird in der Schule geschrieben. Nicht morgen, nicht übermorgen – sondern heute.
Die Bildungslandschaft in Luxemburg hat sich in den letzten Jahren erheblich verändert. Mit der Einführung von Kompetenzzentren, öffentlichen Europaschulen und der Alphabetisierung auf Französisch reagiert das Bildungssystem auf eine zunehmend vielfältige Gesellschaft. In dieser carte blancheteilt Gaston Ternes seine persönliche Analyse der Schlussfolgerungen des jüngsten Bildungsberichts.
Zwei zentrale Prioritäten des Bildungsberichts 2024 sind die Stärkung der frühkinldichen Bildung und die Ausweitung der Alphabetisierung in Französisch
Was bedeutet das konkret? Es ist bekannt, dass der Wortschatz von sechsjährigen Kindern stark variiert – von 500 bis 13.000 Wörtern. Kinder mit einem geringen aktiven Wortschatz haben später kaum Chancen auf einen erfolgreichen Schulverlauf, es sei denn, es werden gezielte Maßnahmen ergriffen. Die Stärkung der frühkindlichen Bildung bedeutet eine neue Aufgabe für Krippen und maisons relais Die Kinder sollen sprachlich schrittweise auf ein gutes Niveau gebracht werden. Wäre es nicht sinnvoll, spezialisierte Fachkräfte einzubeziehen, die diesen Prozess von Anfang an unterstützen? Das Ziel ist es, sie optimal auf die Alphabetisierung in Deutsch oder Französisch vorzubereiten.
Eine weitere Priorität des Berichts ist der Ausbau der öffentlichen Europaschulen. Diese ermöglichen es den Schülern, ihre Muttersprache als Hauptsprache zu wählen und eine zweite Sprache auf Niveau 2, 3 oder 4 zu erlernen. Es ist wichtig zu wissen, dass für eine aktive Nutzung einer Sprache im Lernprozess mindestens Niveau 2 erforderlich ist.
Europaschulen sind attraktiv, weil sie den kompletten Schulverlauf – Primar- und Sekundarschule – in nur 5 + 7 Jahren anbieten, also ein Jahr schneller als das nationale System. Sie nehmen zudem Schüler im sechsten Schuljahr (Zyklus 4.2) auf, die keine Zulassung für den klassischen Weg erhalten haben, bereiten sie jedoch ausschließlich auf das europäische AbiturSollte dieses System nicht auch praxisorientierte Bildungswege anbieten, jetzt, da die Schülerschaft zunehmend heterogen wird? Oder besteht die Gefahr, dass Schüler, die die Anforderungen des klassischen Sekundarbereichs nicht erfüllen, ihr Glück im Ausland suchen müssen?
Damit stößt man auf einen zentralen Fehler beider Systeme – sowohl des nationalen als auch des europäischen. Handwerkliche Fähigkeiten sollten ab dem sechsten Lebensjahr gleichwertig mit Sprache und Mathematik in den Lehrplan integriert werden, um Talente zu erkennen und Kompetenzen zu entwickeln. Der Systemfehler besteht darin, dass das Handwerk heute nur als Notlösung betrachtet wird, wenn der klassische Bildungsweg nicht funktioniert! Dabei sollte es als moderne, innovative und wertvolle Orientierung für alle anerkannt werden.
Damit stößt man auf einen zentralen Fehler beider Systeme – sowohl des nationalen als auch des europäischen. Handwerkliche Fähigkeiten sollten ab dem sechsten Lebensjahr gleichwertig mit Sprache und Mathematik in den Lehrplan integriert werden, um Talente zu erkennen und Kompetenzen zu entwickeln. Der Systemfehler besteht darin, dass das Handwerk heute nur als Notlösung betrachtet wird, wenn der klassische Bildungsweg nicht funktioniert! Dabei sollte es als moderne, innovative und wertvolle Orientierung für alle anerkannt werden.
Eine Überarbeitung der Lehrpläne in diesem Sinne ist notwendiger denn je! Wie lange müssen wir noch warten?
Das Thema Freiwilligenarbeit wird in den letzten Jahren sowohl national als auch international zunehmend dokumentiert. Weltweit ist zu beobachten, dass die Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit abnimmt. Wie sieht es in Luxemburg mit der Freiwilligenarbeit aus? Hier kommt Gaston Ternes mit dieser „Carte blanche“ ins Spiel.
Die aktuelle Regierungsvereinbarung enthält zwei Seiten über einen Aktionsplan für Freiwilligenarbeit. Das ist gut! Tatsache ist, dass die Freiwilligenarbeit in allen Ländern zurückgeht. In den USA beispielsweise berichtet das Bureau of Labor Statistics, dass die Quote von 29 % im Jahr 2005 auf 23 % nach COVID gesunken ist. Für Luxemburg bestätigte das Statec im September dieses Jahres, dass 35 % der Einwohner Freiwilligenarbeit leisten.
Freiwilligenarbeit hat eine Komponente, die wichtiger ist als die Aufrechterhaltung grundlegender Dienstleistungen für die Gemeinschaft und die Organisation von Aktivitäten. Es gibt eine statistisch signifikante positive Korrelation zwischen sozialem Zusammenhalt und der Bereitschaft der Menschen, sich freiwillig zu engagieren. Mit anderen Worten: Mehr Freiwilligenarbeit bedeutet mehr Demokratie.
Dies sollte im Zusammenhang mit der jüngsten POLINDEX-Studie 2024 beachtet werden. Sie zeigt eine deutliche Veränderung in unserer Gesellschaft. Seit 2018 ist diese zunehmend materialistisch geworden. „Selbst ein technokratisches, autoritäres Regime wäre in Ordnung, solange die Politik mir persönlich nützt“, fasst Professor Poirier von der Universität Luxemburg zusammen. Wohltätigkeit kann eine treibende Kraft für eine besser funktionierende Demokratie sein. Sie lehrt die richtigen Einstellungen und Verhaltensweisen: Respekt für andere, Gleichberechtigung, Übernahme von Verantwortung.
Wie können wir die Freiwilligentätigkeit sichtbarer machen? Das ruandische Modell „Umuganda“ lässt sich nicht eins zu eins auf unsere Verhältnisse übertragen. „Umuganda“ ist staatlich organisiert, nicht freiwillig. Aber wir können von der Idee lernen. „Umuganda“, aus dem Kinyarwanda ins Deutsche übersetzt, bedeutet „zusammenkommen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen“. Einmal im Monat engagieren sich die Menschen in Ruanda für gemeinnützige Arbeit in ihrem Bezirk.
Warum sollte man diese Idee nicht am 5. Dezember, dem Internationalen Tag der Freiwilligenarbeit, in Luxemburg einführen? Wäre das nicht ein hervorragender Tag für gemeinsame Aktivitäten, für die Einbeziehung von Schulen und Vereinen? Auf diese Weise könnten wir die Freiwilligenarbeit fest in unserer Gesellschaft verankern.
Gabriela Civico, Direktorin des Centre for European Volunteering, bringt es auf den Punkt: „Freiwilligenarbeit ist kein neues Thema, aber wir wollen, dass es in der Prioritätenliste einen besseren Platz erhält.“
Hoffentlich wurde durch diese 2 Minuten 30 deutlich, dass sie Recht hat.
Die Petition 3176, die am 4. November im Parlament eingebracht wurde, erhielt 4775 Unterschriften: Sie zielt darauf ab, Smartphones generell auf dem Schulgelände zu verbieten. Petitionen liegen im Trend. Dazu eine Carte Blanche von Gaston Ternes.
Les pétitions sont positives en soi : elles donnent au citoyen engagé la possibilité d’exprimer publiquement son opinion, et ceci au Parlement, l’institution des représentants élus qui décident pour nous dans notre démocratie parlementaire.
Eine Frage geht mir durch den Kopf: Gibt es immer nur Schwarz oder Weiß, ohne Zwischentöne? Die aktuelle Diskussion um das generelle Handyverbot in Schulen bringt mich zum Nachdenken: Reicht es, im Hinblick auf „Bildung“ mit „gut“ oder „schlecht“ zu antworten? Es macht keinen Sinn, Mobiltelefone gänzlich zu verbieten. Ebenso macht es keinen Sinn, das Handy ständig und überall zu erlauben! Das Thema passt einfach nicht in ein binäres System, entweder eine Null oder eine Eins. „Medien müssen gelehrt und nicht dämonisiert werden“, brachte es kürzlich der Psychiater Serge Tisseron auf den Punkt. Medien brauchen Regeln, die sowohl in der Familie als auch in der Schule trainiert werden müssen.
Betreffend Fragen zur Schule, geht es zuletzt fast immer nur um „gut oder schlecht“: internationale oder luxemburgische Schulen zum Beispiel, ohne die Gelegenheit zu nutzen, sich systematisch über „Best Practices“ auszutauschen!
Heutzutage kann jeder direkt kommunizieren, oft nur mit einem „Daumen hoch“ oder einem „Daumen runter“ oder sogar einem Emoji, um ein Gefühl schnell auszudrücken. Die Nuancen bleiben auf der Strecke. Die Komplexität der Frage wird übersehen. Keine Suche nach einem Kompromiss. Warum dieser Trend in unserer Zeit...?
Ein Grund sind sicherlich die Filterblasen, die sowohl in Internet-Suchmaschinen als auch in sozialen Medien allgegenwärtig sind. Unsere Nachrichten werden gefiltert. Sie sind auf unser Profil zugeschnitten. Wir sehen nur einseitige Kommentare und Informationen, die genau unseren Interessen entsprechen; die Kehrseite spielt der Algorithmus uns nicht zu.
Wenn Sie nur mit Ihrer eigenen Meinung konfrontiert werden, immer nur bestätigt werden, dann leben Sie in einer komfortablen Meinungsblase. Der amerikanische Aktivist Eli Pariser hatte uns bereits 2011 in seinem Buch „The Filter Bubble: What the Internet is hiding from you“ gewarnt.
Meine erste Frage wirft neue Fragen auf: Tolerieren wir einfach, dass skrupellose Internet- und Social-Media-Big Player jegliche Meinungsvielfalt auf dem Altar ihres Profits opfern? Wäre es nicht an der Zeit gegenzusteuern, sowohl durch eine konsequente Erklärung der Funktionsweise der Filterblasen als auch durch ein aktives Training des „Debattierens“, am besten im selben realen Raum?
Unsere Gesellschaft bricht zusammen... und niemand merkt es?
Unser Alltag ist zunehmend von Intoleranz, voreiligen Urteilen, Fake News und verbalen Angriffen geprägt. Soziale Netzwerke sind dafür ein alltägliches Beispiel. Keine Altersgruppe bleibt verschont. Hinzu kommen Hektik, Stress und finanzielle Sorgen. Entgleist unsere gesamte Gesellschaft ... und niemand bemerkt es? Welche Rolle spielt die Politik? Diese Frage beantwortet Gaston Ternes in seiner Carte Blanche.
Das heutige Thema ist nicht spezifisch luxemburgisch, es betrifft unsere sogenannte „westliche“ Gesellschaft, die Art und Weise unseres Zusammenlebens, die Art und Weise, wie die Politik sie begleitet. Ich werde aus einer Palette zwei sehr extreme Beispiele dafür auswählen, wie die Politik im ersten Fall reguliert, im zweiten kapituliert!
Großbritannien hat gerade ein Gesetz zur Abschiebung von Asylsuchenden nach Ruanda verabschiedet. Vor zwei Jahren nannte Charles III., damals noch Prinz von Wales, den Gesetzentwurf eine „schreckliche Idee“. Er unterzeichnete das Gesetz Ende April dieses Jahres als König.
Wir sind irritiert darüber, dass es auch innerhalb der europäischen Gemeinschaft Stimmen gibt, die diese menschenverachtende Lösung akzeptieren. Vor einer Woche lobte der österreichische Bundeskanzler Karl Nehammer dieses britische „Ruanda-Modell“! Wie können Menschen, die angeblich demokratische Werte vertreten, solch menschenverachtende Entscheidungen treffen? Kein Befürworter dieser Idee interessiert sich für die Situation in Ruanda selbst, da dieses Land mit einem eigenen Flüchtlingsproblem konfrontiert ist. Hunderttausende ruandische Flüchtlinge wollen seit Jahren in ihr Herkunftsland zurückkehren. Niemand spricht über die dramatische Arbeitslosenquote in Ruanda.
Lassen Sie uns ein weiteres, ganz anderes Beispiel als das erste nennen: Die psychische Gesundheit vieler Kinder und Jugendlicher in Westeuropa ist nicht gut. Die Aufregung der Kinder hallt im ganzen Klassenzimmer wider. In der Schule seien immer mehr „konkrete Maßnahmen“ notwendig, um Kinder bei Fehlverhalten zu unterstützen. Ich empfinde diese Maßnahmen als Pflaster, ohne auf die wahren Ursachen einzugehen.
Das Durchschnittsalter, in dem Kinder zum ersten Mal pornografischen Bildern ausgesetzt sind, liegt mittlerweile bei 10 Jahren! Der Zugriff auf extrem gewalttätige Videoclips und Filme ist unbegrenzt. Allzu schnell werden Kinder mit sozialen Netzwerken konfrontiert, die sie der Diktatur der Blicke anderer und destruktiver Kritik aussetzen. Hier gilt die Richtlinie „keine Abonnements“. Es regelt nicht.
Im Laufe der Jahrzehnte haben Regierungen systematisch menschliche Werte hinter wirtschaftliche Interessen gestellt. Sie haben die Augen vor dem Kollateralschaden verschlossen. „Wirtschaftliches Wachstum geht mit einem intellektuellen, kulturellen, psychologischen und spirituellen Zusammenbruch einher“, schreibt der französische Autor Laurent Gounelle völlig zu Recht in seinem jüngsten Werk „Le reveil“. Wann werden wir aufwachen, wann werden die Politiker aufwachen und sich wieder ihrem Kerngeschäft widmen?
„Polis“, aus dem Altgriechischen, im Sinne von Gestaltung und Regelung des harmonischen Zusammenlebens, kollektives Bewusstsein!
Wir reden viel über Qualität in der Bildung. Doch welche Art von Inhalten sollten Schulen heute vermitteln? Sollte der Lehrplan nicht stärker im Vordergrund der Überlegungen stehen? Diese Frage beantwortet Gaston Ternes in seiner Carte Blanche.
Informationen sind überall und sofort verfügbar, sowohl wahr als auch falsch. Deshalb werden in Lernprozessen viele Fähigkeiten wie kritisches Denken, Teamarbeit, Kommunikationsfähigkeit und Kreativität als besonders wichtig erachtet.
Aber wie sieht es mit den Inhalten, den Studiengängen an unseren Schulen aus? Sind sie in ihren Zielen und Inhalten ausreichend gepflegt und werden regelmäßig auf ihre Bedeutung und Kohärenz überprüft?
Die Qualität der Bildung wird durch einen für junge Menschen sinnvollen Kontext begünstigt. Das sagt die Forschung. Aber was ist die Realität?
Ich habe die aktuellen Kurse konsultiert und war ziemlich überrascht, dass eine Gesamtvision über die Fächer hinaus immer noch völlig fehlte!
Ich könnte eine ganze Reihe von Beispielen nennen. Nehmen wir nur eines: Im gleichen Zeitraum, der vierten Klasse, wird auf Französisch eine Einführung in die Literaturgeschichte anhand des Mittelalters gegeben, auf Deutsch geht es vom Mittelalter bis zum Zeitalter der Aufklärung, in der Geschichte geht es um die Das Zeitalter der Aufklärung und die Französische Revolution, auf Englisch die heutige Welt, in der künstlerischen Ausbildung werden Barock, Klassizismus, Romantik, Realismus und Impressionismus studiert.
Und das alles für denselben 16-Jährigen!
In der Physik werden Konzepte wie Geschwindigkeit und Beschleunigung in der dritten Klasse verwendet, in der Mathematik jedoch erst ein Jahr später in der zweiten Klasse eingeführt. Diese Inkonsistenz besteht nun schon seit über 40 Jahren!
Sicherlich sind die didaktischen Überlegungen einer Disziplin sinnvoll, aber sie reichen nicht aus: Es fehlt ein Gesamtüberblick.
Wäre es nicht angemessen, sich pro Studienjahr auf eine gemeinsame Vorgehensweise zu einigen und eine bestimmte Epoche aus der Sicht historischer und gesellschaftlicher Ereignisse, Literatur, Kunst, Architektur, Wissenschaft zu beleuchten?
Dieses Thema des nachhaltigen Lernens geht weit über die Initiativen hinaus, die Schulen entwickeln können. Es gilt, die Inhalte und Konzepte festzulegen, die es den jungen Menschen von heute ermöglichen, sich Wissen anzueignen, das ihnen den Erfolg im Erwachsenenleben ermöglicht. Diese Debatte fehlt auf nationaler Ebene, aber auch auf europäischer Ebene. Heute, genau 74 Jahre nach dem 5. Mai 1949, dem Gründungsdatum des Europarats. Es vereint 46 Staaten und eines seiner Hauptziele besteht darin, Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen zu erforschen, zu verhandeln und zu koordinieren. Dieser Rat verfügt über eine Bildungsabteilung und eine Abteilung für Bildungspolitik, deren Aufgabenbereich jedoch nicht über Veröffentlichungen zu Unterthemen hinausgeht.
Für mehr Chancengleichheit in der Schule schauen Sie sich die Beförderungskriterien an!
Mehrere internationale Studien zeigen, wie wichtig der Einfluss des sozio-professionellen Umfelds junger Menschen auf ihren akademischen Erfolg ist. Und wenn wir über akademischen Erfolg sprechen, kommen automatisch Beförderungskriterien ins Spiel. Gaston Ternes, ehemaliger Schulleiter und heute Experte für das Netzwerk Europäische Schulen, geht in seinem Freibrief auf dieses Thema ein.
Die Verzögerung einer Schullaufbahn, die sich über ein Jahr erstreckt, ist nicht nur katastrophal für das Selbstbewusstsein des Jugendlichen, sondern hat auch unmittelbare Folgen für die Leistungsfähigkeit des gesamten Schulsystems. Dennoch sind Klassenwiederholungen immer noch eine Realität, in Luxemburg ist sie mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt der OECD-Länder.
Darüber hinaus werden Nachholprüfungen, deren Ziel die Beförderung ist, im sogenannten „Feriendienst“ organisiert. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Dateien, die Einfluss auf die Abschlussnote haben, von qualifizierten Personen begleitet werden. Familien, die es sich nicht leisten können, sind im Nachteil. Eine Frage: Haben Kinder, die das Schuljahr aus verschiedenen Gründen verpasst haben, nicht genauso viel Urlaub verdient wie diejenigen, die die Schulanforderungen gemeistert haben?
Eine Mehrheit der Lehrer ist gegen eine Klassenwiederholung. Allerdings sind sie auch gegen eine automatische Beförderung, wie die aktuelle Diskussion darüber in der unteren Allgemeinbildung zeigt. Wie können wir Studierende mit Studienschwierigkeiten am besten unterstützen?
Die Lösung lässt sich als „integrierte Bildungsförderung“ bezeichnen. Dabei ist zu beachten, dass es sich hierbei um eine gezielte, also unbedingt differenzierte, an die individuellen Bedürfnisse des Jugendlichen während der Regelschulzeit angepasste Förderung handelt.
Eine solche Initiative erfordert mehrere Phasen: eine Diagnose mit allen betroffenen Stakeholdern, die Entwicklung eines individuellen Projekts und eine regelmäßige Bewertung der Arbeit.
Dies kann nicht einfach auf das reguläre Lehrpersonal übertragen werden, sondern muss von Fachpädagogen und Fachdidaktikern entwickelt werden, die den Lehrer unterstützen. Dies ist ein wesentliches Kriterium für den Erfolg des Prozesses. Die Differenzierung in der Lehre würde anhand von Anwendungsübungen erfolgen. Co-Teaching, sukzessive oder gleichzeitige Differenzierung, die Aufteilung der Gruppen nach Bedarf oder Niveau sind laut dem französischen Bildungswissenschaftler Philippe Meirieu diesbezüglich interessante Strategien.
Der Student absolviert die gleichen Tests wie die anderen Studenten. Dieser Punkt ist wichtig, da summative Evaluationen es ermöglichen, das Niveau des Jugendlichen in Relation zum Klassendurchschnitt zu setzen.
Nur bei großen Unterschieden sollten Schule, Eltern und Jugendliche über eine den Begabungen des Jugendlichen besser entsprechende Neuorientierung nachdenken.
Das Thema Förderung ist unerlässlich, wenn wir einen weiteren Schritt hin zu einer gerechteren und effizienteren Schule machen wollen. Eine Mission, die direkt nach den Wahlen beginnen soll, also ab dem 9. Oktober!
Es ist eine Bestätigung, dass heute jeder mit beiden Händen unterschreibt, hier im Land und auch im Ausland. Aber es kommt kaum über diese Beobachtung hinaus. Wie kann praxisnaher Unterricht gefördert werden? Welche Prioritäten sollten bei Schulreformen gesetzt werden? Dieser Frage geht Gaston Ternes heute in seinem Freibrief nach.
Ja, unser Land braucht qualifizierte Handwerker! Dies ist ein akutes und weit verbreitetes Problem im In- und Ausland. Unternehmen haben einen massiven Mangel an qualifiziertem Personal. Dabei fällt mir der berühmte Ausspruch des amerikanischen Forschers Michael Huberman ein: „Alles ist gesagt, alles muss noch getan werden.“
An Schulen gibt es Initiativen, um jungen Menschen Handwerk und Unternehmertum näher zu bringen. Dabei handelt es sich aber weiterhin um vereinzelte Initiativen wie Praktika, Berufsinformationstage, betriebliche Interventionen im Unterricht. Allerdings mangelt es an Kontinuität.
Eine Aufwertung der praktischen Ausbildung ist meiner Meinung nach an 3 Voraussetzungen geknüpft:
Erstens sollte die Wahl der Berufsfächer nicht auf der Grundlage von Misserfolgen in Sprachen und Mathematik erfolgen. Deshalb brauchen wir „Schulen für alle Schüler“. „Inklusion“ ist das Schlüsselwort, nicht „Segmentierung“ oder frühe Spezialisierung. Gleichzeitig bedeutet dies eine Aufwertung der Berufsausbildung: Wäre es nicht wichtig, den Studierenden Fächer in den Bereichen Kultur, Kunst und Soziales anzubieten?
Zweitens sollte jedem Schüler von der Grundschule bis zum Ende der Sekundarstufe ein breites Angebot an „praxisnahem“ Unterricht zur Verfügung stehen, um sein Talent und seine Lust von Anfang an testen zu können. Schließlich und vor allem auch, um die Gesten und das Know-how zu erlernen, die wir täglich brauchen, sei es im Privat- oder Berufsleben.
Drittens sollte der absurde Gegensatz zwischen „manuell“ und „intellektuell“ sofort beendet werden. Heutzutage muss ein Landwirt verstehen, wie das Ökosystem funktioniert, und ich vertraue einem Chirurgen nur, wenn ich sicher bin, dass er auch gut in der Handarbeit ist! Absurd ist auch die Hierarchie, die in den Köpfen der Menschen zwischen verschiedenen handwerklichen Spezialitäten herrscht. Was auch immer die Spezialität ist, am Ende kommt es auf die Qualität der Ausführung an!
Deshalb ist es wichtig, jedem Kind, jedem Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, wirklich in die handwerkliche Tätigkeit einzutauchen.
Es ist lobenswert, dass die UNESCO in ihrem GEQAF-Programm „General Education System Quality Analysis/Diagnosis Framework“ diese Frage eines angepassten Lehrplans kürzlich zu einem zentralen Thema gemacht hat. Es gibt gute Gründe zu der Annahme, dass hier die Antworten auf die Bildungskrise liegen.