RTL Carte blanche Wer will noch Lehrkräfte?

Carte blanche  « Qui veut encore des enseignants ? »

Qui veut encore des enseignants?“„Wer will noch Lehrkräfte?“ Diese Frage stellt der französische Erziehungswissenschaftler Philippe Meirieu im Titel seines jüngsten Buches. Eine Frage, die wie eine Warnung klingt. An die Politik. An die Eltern. An uns alle. Hinter dem Mangel an Lehrpersonal verbirgt sich eine tiefere Frage: Wozu ist Schule eigentlich da? Dieser Frage geht Gaston Ternes in dieser Carte blanche nach.

Eine mathematische Erklärung? Ein Klick. Eine Zusammenfassung? Zwei Sekunden. Eine fertige Lösung? Von einer Maschine generiert. In einer solchen Welt erscheint die Frage beinahe logisch: Wer will noch Lehrkräfte?

Doch verwechseln wir nicht Information mit Bildung, Lösung mit Lernprozess?

Für Philippe Meirieu ist diese Frage keine Provokation, sondern eine bittere Feststellung. Es fehlt an Lehrkräften. Und das ist nicht nur ein zahlenmäßiges Problem. Es ist eine kulturelle Fehlentwicklung. Seit Jahren wird immer wieder dieselbe Rhetorik bemüht: „nützliche Kompetenzen“, „Anpassung an den Arbeitsmarkt“. Die Schule soll schnell, effizient und messbare Ergebnisse liefern.

Wenn diese Logik dominiert, wird Bildung auf eine rein wirtschaftliche Funktion reduziert. Und dabei verlieren wir das Wesentliche. Eine Lehrkraft ist keine Suchmaschine mit menschlichem Gesicht. Eine Lehrkraft ist eine Präsenz. Jemand, der ermutigt. Jemand, der fordert. Jemand, der begleitet. Kritisches Denken, Urteilsvermögen, Verantwortung, all das fällt nicht vom Himmel. Es wird gelernt und vorgelebt. Und genau darin liegt etwas Grundlegendes.

Eine Demokratie kann nicht bestehen, wenn ihre Bürger lediglich funktionieren. Die Schule ist ein Ort, an dem junge Menschen lernen, nachzudenken, zu zweifeln, Argumente abzuwägen. Und auch zu verstehen, dass der Wert des Menschen nicht allein in seiner Nützlichkeit liegt.

Eltern wünschen sich für ihre Kinder einen Beruf, aber auch Urteilsfähigkeit, Selbstvertrauen, Bildung.

Lehrkräfte wollen nicht nur Programme ausführen, sondern Sinn in dem vermitteln, was gelernt wird. Geht dieser Sinn verloren, verliert der Beruf seine Attraktivität.

Künstliche Intelligenz verändert die Schule, ersetzt jedoch nicht das, was im Kern von Bildung steht: Beziehung, Aufmerksamkeit, Vertrauen. Hinter jedem Arzt, jedem Handwerker, jedem Forscher steht eine Lehrkraft, die eine Flamme entzündet hat.

Also: Wer will noch Lehrkräfte? Wir brauchen sie mehr denn je, nicht gegen die Technologie, sondern für das, was keine Maschine leisten kann: junge Menschen zu begleiten und ihnen zu helfen, ihren eigenen Weg zu finden.

Bildung entsteht nicht durch Algorithmen, sondern durch Menschen.

Gerade heute, am 20. März, dem Internationalen Tag des Glücks, sollten uns die alarmierenden Zahlen zum Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen diese Botschaft eindringlich vor Augen führen.